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Beschreibung
Geschichten sind konstitutiv für die frühchristliche Literatur. Dennoch hat eine der grundlegendsten narratologischen Kategorien, die Erzählperspektive, in der neutestamentlichen Forschung bislang keine eingehende Behandlung erfahren. Christoph Heilig zeigt, dass dieses Konzept - in Anlehnung an Gérard Genette als Fokalisierung bezeichnet - für eine angemessene Analyse frühchristlicher Erzählungen unverzichtbar ist. Erzählungen werden schließlich nicht nur durch das definiert, was sie erzählen, sondern auch dadurch, wie sie es erzählen: Ein Erzähler kann unterschiedliche Geschichten vermitteln, je nachdem, durch wessen Augen er die Lesenden die sich entfaltenden Ereignisse wahrnehmen lässt.
Unter Rückgriff auf aktuelle kognitiv-linguistische Ansätze adaptiert der Autor diese Kategorie für die Exegese koinegriechischer Texte des ersten Jahrhunderts. Im gesamten Neuen Testament eröffnet die Fokalisierung neue Einsichten in grundlegende Fragestellungen: Sie erklärt, wie Paulus seine Adressaten durch kurze narrative Passagen überzeugt, stellt die synoptische Redaktionskritik auf eine neue Grundlage, bietet differenzierte Instrumente zur Beurteilung der Rolle von Augenzeugen im Markus- und Johannesevangelium, löst Debatten um die Wir-Passagen der Apostelgeschichte und klärt die Erzählstruktur der Offenbarung.
Wann immer wir diese Geschichten lesen, treffen wir unausweichlich Annahmen über Perspektive. Exegese benötigt daher eine Methodologie, die zugleich historisch sensibel und kreativ ist. Dazu gehört auch die Rezeptionsgeschichte dieser Perspektiven seit den apokryphen Schriften, die sichtbar macht, welche Blickwinkel spätere Neuinterpretationen prägen und welche marginalisiert werden.
Theologisch betrachtet lassen sich die Erzählungen folglich nicht auf ihre Handlungsabläufe reduzieren; ihre inhärente Multiperspektivität muss in Nacherzählungen für unsere Zeit bewahrt bleiben. Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, in dem wissenschaftliches Arbeiten zunehmend an Maschinen ausgelagert wird, liegt der bleibende Wert menschlicher Interpretation gerade in diesem persönlichen Akt des Sehens, der mit anderen geteilt wird.
Dieses Werk wurde mit dem Dewetteanum 2024, den Preis für die beste wissenschaftliche Arbeit der Theologischen Fakultät der Universität Basel ausgezeichnet.
Focalization in Early Christian Narratives
Details
| Verlag | Mohr Siebeck |
| Ersterscheinung | 30. September 2026 |
| Maße | 23.2 cm x 15.5 cm |
| Format | Hardcover |
| ISBN-13 | 9783162008855 |
| Seiten | 392 |