Im Juni 1945 endete die Welt der achtjährigen Erika Schroll. Aus ihrer Heimat in Saaz, Böhmen, herausgerissen, wurde sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Elisabeth eine von Millionen, die von den gewaltigen Nachkriegsvertreibungen erfasst wurden, welche Mitteleuropa neu formten. Ihr Vater war verschollen, vermutlich verloren im Chaos des deutschen Zusammenbruchs. Was folgte, waren Jahre, die sie für immer prägen sollten. Eingepfercht in ehemalige SS-Kasernen mit Tausenden anderen deutschen Frauen und Kindern, erlebte Erika Zustände, die jede Vorstellungskraft übersteigen: katastrophale Überbelegung, grassierende Krankheiten und systematische Demütigung. Kleine Kinder starben täglich. Ihre Schwester Elisabeth erkrankte schwer. Als das Lager schließlich geräumt wurde, wurden sie in offene Kohlenwagen verladen und über Nacht ins Erzgebirge transportiert, dann in Gewaltmärschen über Bergpässe nach Sachsen getrieben. In Freiberg, in ungeheizten Räumen in der sowjetischen Zone untergebracht, stand die Familie einer neuen Qual gegenüber: langsames Verhungern. Durch den brutalen Winter 1945-46 magerten Erika und Elisabeth zu Skeletten ab. Ihre Mutter kämpfte mit verzweifeltem Erfindungsreichtum, um sie am Leben zu halten, streckte karge Rationen, fand Wege, ihre Ernährung zu ergänzen, gab die Hoffnung nie auf, selbst als andere um sie herum erlagen. Als ihr Vater sie 1947 endlich fand—selbst gebrochen von Jahren der Gefangenschaft in Jugoslawien—weinte er beim Anblick seiner Töchter. Die Wiedervereinigung brachte Freude, aber auch eine qualvolle Entscheidung: in der sowjetischen Zone bleiben und dem sicheren langsamen Tod entgegensehen oder einen illegalen Grenzübertritt wagen, der mit Kugeln enden konnte. Was diese Erinnerung außergewöhnlich macht, ist nicht nur, woran sich Erika Storey erinnert, sondern wie sie sich erinnert. Jahrzehnte später aus ihrer Wahlheimat England schreibend, kehrt sie mit schonungsloser Klarheit zu ihrer Kindheit zurück. Sie schreibt nicht, um Schuld zuzuweisen oder historische Rechnungen zu begleichen. Sie schreibt, um Zeugnis abzulegen—um zu bewahren, was geschah, bevor die letzten Stimmen verstummen.
und die Flucht in den Westen