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Cagliostro

Cagliostro

von Vicente Huidobro
übersetzt von Frank Henseleit
Hardcover - 9783966750912
27,80 €
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Beschreibung

Vicente Huidobros Roman 'Cagliostro' ist ein einzigartiger Text. Ursprünglich

entstand er 1923 als Drehbuch, das Huidobro zehn Jahre später in einen Roman

umschrieb. In ihm vereint Huidobro verschiedene literarische Gattungen, streift

durch die Geschichte, berührt philosophische Fragen und unternimmt gleichzeitig

formale wie sprachliche Experimente. Trotz eines ästhetisch aufgeladenen Unter-

baus ist 'Cagliostro' ein leicht zu lesender, äußerst unterhaltsamer Roman, der

nicht nur mit sprachlicher Virtuosität, sondern auch mit Humor und Spannung

auftrumpfen kann.

Huidobro verdichtet das sagenumwobene Leben seines titelgebenden Protago-

nisten Cagliostro zu einer Geschichte über die Hybris des Menschen, seiner

Korrumpierbarkeit und den im 18. Jahrhundert sehr populären Okkultismus.

Bereits 1916 betitelte Huidobro ein Werk mit "okkult", erklärte aber umgehend,

dass er damit das tiefe Geheimnis der Sprache meine und er die Tür zum Myste-

rium der Sprache stets geöffnet vorfand. Dieses von ihm als junger Poet gespürte

Talent sollte in eine Reife übergehen, die die Avantgarde, wie sie in Europa auf-

brach, facettenreich mitprägte.

Die Sprache des prosaischen Texts ist geprägt vom Creacionismo, einem lyrischen

Stil, den Huidobro in mehreren Manifesten begründet hat. Anspruch dieses Stils

ist es, Welt durch Sprache zu erschaffen. Dafür verfährt Huidobro jenseits aller

Konventionen und Logiken und entwirft sprachliche Bilder, die sich nicht aus der

Wirklichkeit ableiten lassen: "Der Mond tickt wie eine Uhr" (1918).

Da der Creacionismo vornehmlich in Gedichten verwirklicht wurde, stellt

'Cagliostro' einen literaturgeschichtlich seltenen Moment dar. Hier wird der

Lyrikstil in einen Prosatext eingebunden mit einem Resultat, an dem Huidobros

singuläre literarische Fähigkeiten erkennbar werden: "Ein paar halbleere Wolken

ziehen weiter auf ihrem Pfad, während andere sich als Tränen funkelnde Taschen-

tücher an die Gipfel schmiegen und einen feuchten Abschied winken".

Ein herausstechender Aspekt von 'Cagliostro' ist außerdem sein Genre, das

Huidobro "novela-film" nannte; eine Mischung aus Kinofilm und Roman. Ohnehin

war der Roman zunächst als Drehbuch konzipiert, und zwar zu einer Zeit, in der der

Tonfilm im Begriff war, den Stummfilm abzulösen. Der Text ist daher durchsetzt

von Regieanweisungen, szenischen Beschreibungen und humorvollen Hinweisen

an die Leserschaft, die visuelle Orientierung leisten sollen. Beispielsweise wenn

zum ersten Mal die schöne Lorenza auftaucht und der Erzähler den Hinweis gibt:

"Liebe Leser, stellen Sie sich die schönste Frau vor, die Sie je gesehen haben, und

übertragen Sie deren Schönheit auf Lorenza. Damit ersparen Sie mir und sich

selbst eine langwierige Beschreibung".

Es ist dieses Spiel mit Konventionen und Klischees, sei es über die Mystik, die

Wissenschaft oder die Liebe, die den Roman zu einem Lesevergnügen machen.

Zudem ist es beeindruckend, zu welch früher Zeit Huidobro die Anfälligkeit für

klischeehafte Motive im Film erkannt hat, ein Medium, das damals noch in den

Kinderschuhen steckte. Vor dem Hintergrund heutiger Diskussionen über die

verblüffend gut funktionierende Generierbarkeit von Kunst durch KIs wirkt sein

Blick umso weitsichtiger.

Besonders ist auch Huidobros Umgang mit dem Themenkomplex des Okkultis-

mus, welcher damals wie heute die Massen zu faszinieren wusste. Weder affir-

miert Huidobro okkulte Vorstellungen, noch parodiert er sie. Er formt sie in ein

literarisches Gedankenspiel um, das den Reiz dieser Ideen veranschaulicht. Was,

wenn all diese okkulten Mythen wahr wären und mit den Erkenntnissen der

modernen Wissenschaft kollidieren würden? Einer der ab dem 18. Jahrhundert

beliebten Zeitvertreibe, aber auch Sensationen, war die Automate. Diese

Erfindung löste einen enormen Rummel aus und fügte sich in die Philosophie

Descartes' über Mensch und Seele. Was eigentlich Antipoden darstellte, der

Rationalismus und der Okkultismus, gehörte dennoch ausgerechnet in die Zeit vor

der Französischen Revolution, die auch eine Zeit großer technischer Neuerungen

war. Der von Huidobro eingefädelte Auftritt ausgerechnet von Jean Paul Marat im

Kreis einer Loge mag diese Antipoden in einer Figur vereinen, die Züge Cagliostros

adaptierte wie auch die der Zäsur der bevorstehenden Revolution. So dämmert der

ebenfalls auftretenden Marie Antoinette bei ihrer Begegnung mit Cagliostro der

Untergang der französischen Monarchie.

Der Text kreist außerdem um das Thema Macht und Machtmissbrauch. 'Cagliostro'

erzählt, zu was ein Übermaß an Macht den Menschen verleiten kann, wie Macht

Vernunft und Zuneigung hinter sich lässt, um sich selbst zu potenzieren. Gleich-

sam geht es um das klandestine Geschäftstreiben der Mächtigen, um elitäre

Zusammenschlüsse, die eher klein-aristokratisch bis bourgeois als okkult sind

und vor keiner Intrige zurückschrecken.

Nicht nur für die Komparatistik, Hispanistik, Medien- und Literaturwissenschaft ist

dies ein wertvoller Text, sondern auch für Leser:innen mit einem historischen

Interesse, die sich für außergewöhnliche Sprachexperimente und Scharfsinn

begeistern können.

Details

Verlag KUPIDO Literaturverlag
Ersterscheinung 01. Dezember 2026
Maße 24 cm x 17 cm x 2.5 cm
Gewicht 850 Gramm
Format Hardcover
ISBN-13 9783966750912
Seiten 200